COVID-19 in Peru

COVID-19 in Peru: Wie geht es den vor Ort gebliebenen Deutschen?

Das Corona-Virus hat unser Leben stark auf den Kopf gestellt und den weltweiten Tourismus zum Erliegen gebracht. Der Ausbruch von COVID-19 in Peru war auch für viele Reisende der Grund, mit Rückholflügen des Auswärtigen Amts zurück nach Deutschland zu fliegen. Es gibt jedoch auch einige Deutsche, Österreicher und Schweizer, die ihren Lebensmittelpunkt seit vielen Jahren in Peru und ihr Glück und Zuhause dort gefunden haben. Für sie war es keine Option dort alle Zelte abzubrechen und nach Europa zurückzukehren. Ich habe mit Ihnen gesprochen und fest steht: Das Corona-Virus wirkt sich je nach Region sehr unterschiedlich auf das Leben vor Ort aus. Die Landesteile sind so unterschiedlich und die Lebensbedingungen so verschieden, dass es schwer ist, ein gemeinsames Urteil zu fällen. Wie unterschiedlich die Lebenswelten vor Ort aussehen, lest ihr in diesem Artikel. 

 

 

COVID-19 in Peru: Jana arbeitet in einem Naturschutzgebiet im Regenwald

 

Wieso bist du in Peru?

 

Jana im Dschungel

Jana bei ihrer Arbeit im Tapiche Jungle Reserve.

Jana: Ich stelle mich erstmal kurz vor: Ich bin Jana, 24 Jahre alt und wohne und arbeite mittlerweile im peruanischen Regenwald „in der Nähe“ von Iquitos (ca. 400km). Hier arbeite ich als Lodge Managerin und Übersetzerin in einem privaten Naturschutzgebiet, der Tapiche Jungle Reserve.

Eigentlich habe ich Psychologie studiert und bin so auch nach Peru gekommen. Anfang 2018 habe ich mich das erste Mal in den Flieger nach Lima gesetzt um dort ein Auslandssemester zu absolvieren (mit dem QUER DURCH PERU-Buch in der Tasche natürlich 😉). Mein Plan war nach dem halben Jahr noch ein bisschen durch Peru weiterzureisen und dann zurück nach Deutschland zu fliegen. Was ich unbedingt sehen wollte und was nach der Zeit in Lima ganz oben auf meiner Liste stand war der Regenwald.

Da ich recht viel Zeit zum Reisen und keine festen Pläne hatte, habe ich mich entschieden Freiwilligenarbeit zu leisten, um so den Regenwald auf eine intensivere Weise und für längere Zeit kennenlernen zu können. So bin ich dann nach einiger Recherche auf die Tapiche Reserve gestoßen, denn mir war wichtig einen Ort zu finden an dem verantwortungsvoll mit dem Regenwald und seinen Bewohnern umgegangen wird. Mein ursprünglicher Plan war es, vier Wochen als Freiwillige zu bleiben und dann weiterzuziehen. Zu der Zeit (Juli/August) haben gerade die Schildkröten ihre Eier gelegt und neben dem Übersetzen (wir sind ein privates Naturschutzgebiet, das heißt wir erhalten keine Zuschüsse oder finanzielle Hilfen vom Staat und empfangen Touristen und bieten Touren an, um die Reserve und ihre Mitarbeiter zu finanzieren) war es als Freiwillige meine Hauptaufgabe, zu helfen die Schildkrötennester zu suchen, vorsichtig auszugraben und bei uns an der Lodge wieder vorsichtig einzugraben. Leider gelten die Schildkröteneier als Delikatesse und auch als natürliches Aphrodisiakum und sind heiß begehrt, da sie ein einfacher Nebenverdienst für die Einheimischen sind. Dass es hier kaum noch Flussschildkröten gibt (tatsächlich haben wir in den letzten Jahren flussabwärts bis in die nächste Stadt – Requena – kein einziges Schildkrötennest gefunden) und man diese Arten gerade deshalb besonders schützen sollte, wird hier leider (vor allem wegen mangelnder Aufklärung) nicht gelebt.

Wie du vielleicht herauslesen kannst, ist das Ganze sehr schnell ein Herzensprojekt für mich geworden und so habe ich mich entschieden, etwas länger zu bleiben um weiter helfen zu können. Und so habe ich mich immer entschieden, noch ein klein bisschen länger zu bleiben, bis es dann Zeit war, dass die Schildkröten schlüpfen und dass konnte ich mir ja nun wirklich nicht entgehen lassen… Nach dem Schlüpfen halten wir die Schildkröten noch für ein paar Wochen in unserer kleinen Aufzucht, damit sie wachsen können und groß und stark werden und dann werden sie in den verschiedenen Lagunen innerhalb der Reserve freigelassen. Und DAS konnte ich mir erst recht nicht entgehen lassen! Und so kam es, dass ich immer länger geblieben bin und mir das ganze Projekt (nicht nur das Schildkröten-Projekt, sondern das ganze Projekt der Reserve, den Regenwald zu schützen und zu erhalten) immer mehr ans Herz gewachsen ist und es einfach unmöglich wurde, hier wegzugehen. Ich glaube, wer einmal die Magie des Dschungels kennenlernen durfte wird verstehen wie schwer es ist, so einen Ort wieder zu verlassen… Und so arbeite ich mittlerweile als Lodge Managerin und Übersetzerin in der Reserve und wohne mitten im Regenwald, fernab von der Zivilisation.

 

 

Wo befindest du dich zur Zeit? Wo bist du untergebracht?

 

Jana: Im Moment befinde ich mich mitten im Dschungel in unserer Lodge in der Tapiche Reserve, 400km südlich von Iquitos. Normalerweise bin ich auch alle paar Wochen mal in Iquitos (wir haben dort unser Büro und ein Hostel) um ein bisschen Zivilisation zu erleben, aber hauptsächlich und auch im Moment bin ich hier im Dschungel. Wir leben in kleinen aber feinen Holzhütten und haben alles was man zum Leben braucht – fließendes Wasser (ein unvorstellbarer Luxus für die Einheimischen hier), eine Gasküche und mittlerweile sogar Solarstrom 😊 Das nächste Dorf Esperanza ist 50km (ca. 1h mit dem Speedboot) entfernt und die nächste größere Stadt Requena ca. 3,5 Stunden mit dem Speedboot. Wir sind also weit entfernt von der Stadt und da wir uns weitgehend selbst versorgen, kommen wir kaum in Kontakt mit anderen Personen.

Ich habe selber nur die ersten paar Tage des Lockdowns in der Stadt selber mitbekommen und bin dann in den Dschungel gefahren. Von der Situation in der Stadt weiß ich also nur von meinen Freunden in Iquitos und von meiner eigenen Erfahrung in den ersten Tagen des Lockdowns.

 

Hütte im Regenwald

Janas Zuhause im Regenwald.

 

Was war für dich ausschlaggebend, dass du in Peru geblieben bist?

 

Jana: Zu Beginn war mir ehrlich gesagt nicht ganz klar, wie ernst die Situation ist bzw. sich entwickeln würde und so war der Gedanke, zurück nach Deutschland zu gehen ganz fern und abwegig. Mein Leben spielt sich mittlerweile hier ab und mein Herz hängt an der Reserve und darum habe ich gar nicht wirklich darüber nachgedacht, zurück zu gehen. Irgendwann hat meine Mutter mich angerufen und vorsichtig gefragt, ob ich nicht darüber nachdenken möchte, zurück nach Deutschland zu kommen. Dann habe ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich zurückfliegen möchte, aber mich dagegen entschieden. Wie gesagt, es ist sehr schwierig so einen Ort zu verlassen wenn man ihn einmal ins Herz geschlossen hat… Der ausschlaggebende Faktor war für mich, dass ich die Möglichkeit habe mich hier im Dschungel aufzuhalten. Würde ich in Iquitos in der Stadt leben, wäre mein Gedankengang und meine Entscheidung eventuell anders gewesen.

Hier habe ich die Möglichkeit, in den Dschungel zu gehen, an der frischen Luft zu sein und mich frei zu bewegen. In der Stadt sind die Ausgangsbeschränkungen sehr streng, man darf das Haus nur verlassen um Lebensmittel zu besorgen oder zur Apotheke zu gehen und ab 16 Uhr herrscht in Iquitos eine komplette Ausgangssperre. Die Situation wäre also fast gegenteilig von dem gewesen, wie ich es jetzt erlebe. Der Hauptgrund war also definitiv, dass ich die Möglichkeit (für mich das Glück) habe, hier im Dschungel zu sein und so auch Menschenmengen und Infektionsherde vermeiden zu können.

 

Wie empfindest du die Situation vor Ort? Wie ist die Stimmung? 

 

Jana: Zu Beginn des Lockdowns (Ende März) wurden die Regelungen sehr streng kontrolliert, in Iquitos war überall die Polizei auf den Straßen um zu kontrollieren, dass keiner unerlaubt das Haus verlässt und es war nicht möglich, sich ohne offizielle Erlaubnis fortzubewegen. Wie ich es in der Stadt erlebt habe (das war allerdings nur in den ersten Tagen des Lockdowns), wurden die Regelungen definitiv streng kontrolliert und somit auch eingehalten. Ich persönlich habe es so empfunden, dass in der Bevölkerung eine große Angst herrschte sich zu infizieren und außerdem viele mit Existenzängsten zu kämpfen hatten (und das war schon vor zwei Monaten zu Beginn des Lockdowns!). Die meisten Jobs hier sind informell und durch den Lockdown hat eine große Anzahl an Menschen von einem auf den anderen Tag ihren Job verloren und somit oftmals ihre einzige Einnahmequelle. Und leider ist es hier bei den meisten Familien, bzw. Personen generell so, dass sie von Tag zu Tag leben und fast keiner Ersparnisse haben um so eine lange Zeit ohne Einkommen überstehen zu können.

Auch in Requena wurde zu Beginn sehr streng durch die Polizei und die Marine kontrolliert. Alle Boote wurden außerhalb von Requena angehalten und keiner durfte in Requena anlegen, außerdem sind auch keine der Transportboote gefahren, die sonst mehrmals täglich zwischen Iquitos und Requena pendeln. Als wir das erste Mal versucht haben nach Requena zu fahren um Lebensmittel zu besorgen, wurde unser Boot von der Polizei beschlagnahmt und durfte nicht zurückfahren, bis wir eine offizielle Erlaubnis zur Fortbewegung hatten (die wir unmöglich bekommen konnten, bevor wir nach Requena gefahren sind, denn die nächste Marine- bzw. Polizeistation ist in Requena). Es wurde also streng versucht, die Maßnahmen einzuhalten, allerdings wurde nach meiner persönlichen Meinung mit den aktuellen Regelungen nicht genug berücksichtigt, wie vielfältig Peru ist und wie unterschiedlich die Lebensbedingungen der Peruaner in verschiedenen Regionen sind. Zum Beispiel ist jeglicher privater Transport untersagt (sowohl Auto, als Boot, etc.). Um hier in der Region aber Lebensmittel zu besorgen, die man nicht selber anbaut, ist es schlichtweg nicht möglich, das ohne Transportmittel zu tun. Lebensmittel besorgen ist offiziell erlaubt, das Boot benutzen aber nicht…

Ich glaube, dass die Behörden hier zu Beginn versucht haben, die Regeln unbedingt zu 100% wie vorgegeben einzuhalten, aber mittlerweile bemerkt haben, dass das hier in der Gegend nicht zu 100% möglich ist. Vor einer Woche war es im Vergleich zu vor einem Monat möglich, mit dem Boot nach Requena zu fahren, ohne von der Polizei oder Marine angehalten zu werden und viele Geschäfte waren geöffnet, wenn auch mit verkürzten Öffnungszeiten. Leider hat die Lockerung der Kontrollen auch dazu geführt, dass sehr viele Leute auf der Straße und in den Geschäften waren und kaum auf den Sicherheitsabstand geachtet wurde. Als ich vor ein paar Tagen mit einer meiner Kolleginnen, die im Moment in Requena ist, gesprochen habe, sagte sie: „Es gab die ersten Todesfälle in Requena, deswegen fangen die Leute jetzt an, sich besser zu schützen und passen besser auf.“

Der Lockdown geht schon zwei Monate in Peru und zu Beginn war meines Erachtens eine große Angst und Vorsicht zu spüren. Hier in der Region gab es zu der Zeit noch keine, bzw. nur wenige Fälle und darum haben die Leute hier die Regelungen wieder etwas lockerer angesehen und die Gefahr noch nicht als greifbar empfunden. Jetzt, wo sich die Situation in den letzten Tagen sehr verschlimmert hat, wird laut meiner Kollegin (zum Glück) wieder mehr auf Schutzmaßnahmen geachtet und die Leute wurden wieder vorsichtiger. Aber auch die Angst sich zu infizieren ist wieder größer, beziehungsweise greifbarer geworden.

In einem Land so divers in Peru, mit so vielen unterschiedlichen Lebensbedingungen und -situationen ist es sehr schwer (vielleicht sogar unmöglich), eine einheitliche Regelung zu finden, die überall in gleicher Weise gelten kann. Meiner Meinung nach ist die Regelung des Lockdowns notwendig und sehr wichtig, denn das Gesundheitssystem in Peru ist in keinster Weise auf eine Pandemie wie diese vorbereitet und die Kapazitäten an jeglicher Art von Gesundheitsversorgung sind absolut unzureichend. Ich glaube um die harten Regelungen des Lockdowns nachvollziehen zu können, muss man sich wirklich vor Augen halten, wie schlecht das Gesundheitssystem hier aufgestellt ist und wie unglaublich wichtig es ist, eine Infektion zu vermeiden. Leider ist die Situation des Lockdowns aber für viele finanziell unerträglich und obwohl es mittlerweile staatliche Hilfen gibt, ist die Existenzangst unter meinen Bekannten riesig.

 

 

Beschreibe doch mal, wie dein Alltag derzeit so aussieht? Darfst du vor die Tür gehen? 

 

Jana: Da ich mitten im Dschungel und somit fernab von Kontrollen oder generell anderen Personen bin, kann ich zum Glück vor die Tür gehen. Das ist allerdings eine absolute Ausnahmesituation, in den Städten ist das natürlich ganz anders.

Wir finanzieren unser privates Naturschutzgebiet vor allem durch Einnahmen aus dem Tourismus, wir empfangen Gäste die den Dschungel kennenlernen und in seiner unberührten Form sehen wollen. Das heißt, dass ich im Moment nicht geregelt arbeite, da wir natürlich keine Gäste empfangen. Meine Kollegen sind fast alle bei ihren Familien und einen normalen Arbeitsalltag, wie wir ihn normalerweise haben, gibt es nicht.

Neben den normal anfallenden täglichen Arbeiten (Instandhaltung, Reinigung, Verpflegung, Reparatur- und Renovierungsarbeiten, …) versuchen wir die Zeit zu nutzen um Dinge zu erledigen, für die wir sonst weniger Zeit finden. Dazu zählen zum Beispiel das Anlegen und Erweitern unseres Gartens mit Chilis, Salat, Kohl, Tomaten und im Moment auch, die Lodge und unsere Plantage auf das Sinken des Wasserstandes vorzubereiten.

Neben den eher alltäglichen Arbeiten besteht ein großer Teil unseres Alltags darin, unser Gebiet und seine Bewohner zu schützen. Die gestiegenen Lebensmittelpreise und die niedrigere Verfügbarkeit an Lebensmitteln in Requena sowie der Verlust von Jobs und das Fehlen von Arbeitsmöglichkeiten treiben leider viele Wilderer in den Dschungel auf der Suche nach Dschungel-Fleisch („Bush-Meat“), was sie dann in Requena verkaufen. Und leider ist bekannt, dass es in unserem Gebiet eine höhere Populationsdichte an Wildtieren gibt, aus dem einfachen Grund das wir sie schützen und sie nicht gejagt werden. Das heißt, dass wir vor allem abends/nachts oft mit dem Boot rausfahren, um zu vermeiden, dass Wilderer in die Reserve eindringen. Das ist bei der Größe der Gebiets – 6000 Hektar – leider nicht einfach, vor allem weil wir im Moment nicht mit dem ganzen Team vor Ort sind. Abgesehen davon nutzen wir die Zeit, um neue Wege und Gebiete zu erkunden und um den Dschungel abseits des Arbeitsalltages zu genießen. Ich fotografiere unglaublich gerne die Tiere des Dschungels und im Moment, wo das Wasser noch hoch ist nutzen wir unsere Freizeit unter anderem um mit dem Kanu durch den überfluteten Dschungel zu fahren.

 

Boot auf dem Amazonas

Janas täglicher Arbeitsalltag: Mit dem Kanu über die Flüsse im Regenwald gleiten und Tiere beobachten.

Schildkröten

 

 

Was sind deine Gedanken, wenn du an die nächsten Monate denkst? Was sind deine Hoffnungen, was sind deine Sorgen? 

 

Jana: Im Allgemeinen besorgt mich die aktuelle Situation in Hinsicht auf unsere Arbeit in der Reserve, denn das Ausbleiben von Gästen bedroht in direkter Art und Weise unsere Existenz.

Wir haben in den letzten Jahren so hart gearbeitet und sehen so große Erfolge – zu Beginn der Reserve vor 10 Jahren waren kaum mehr Wildtiere vorhanden und wir sehen mittlerweile wie sich die Populationen erholen. Viele bedrohte Tierarten wie zum Beispiel die roten Uakaris (Red Uakari) und Braune Wollaffen (Common Woolly Monkey) leben in großen Gruppen innerhalb der Reserve. Im letzten Jahr haben wir außerdem immer mehr Spuren von terrestrischen Wildtieren (Weißbartpekari, Tapir, Raubkatzen, …) gefunden und gerade letzte Woche haben wir eine große Gruppe von Weißbartpekaris (geschätzt 200 Individuen, einige mit Jungtieren) im Dschungel gesehen. Genau das sind leider die Tiere, die bei Wilderern große Beliebtheit erfahren. Die Tiere fühlen sich in unserem Gebiet sicher und haben gelernt, dass sie hier nicht gejagt werden. Zu wissen, dass im Moment wieder Wilderer versuchen, in das Gebiet einzudringen, macht mich unglaublich traurig. Es hat viele Jahre gedauert, diese Tiere sehen und beobachten zu können und es besorgt mich zu wissen, wie schnell das zerstört werden könnte.

Eine große Sorge für die nahe Zukunft ist die bevorstehende Schildkröten-Saison. Normalerweise gibt es in Requena und auch den umliegenden Dörfern Job-Möglichkeiten wie zum Beispiel Bauarbeiten, Arbeit auf Plantagen und Ähnliches. Wenn während dieser Schildkröten-Saison viele in der Region ohne Arbeit und Einkommen sind, wird das Begehren nach den Schildkröten-Eiern noch größer sein als in den letzten Jahren und das „Wettrennen“ um das Finden der Nester wird noch intensiver und wir werden viel Konkurrenz beim Suchen der Nester haben.

Natürlich bedroht die aktuelle Situation auch ganz direkt meinen eigenen Job, aber meine Sorgen gehen soweit über meine persönliche Situation hinaus. Die riesigen, uralten Bäume innerhalb der Reserve, die Tiere, die hier in Frieden leben können und die Generationen an Schildkröten, die in den letzten Jahren schon gerettet wurden – all das wird im Moment direkt und indirekt bedroht. Meine Kollegen, die durch Jobs in der Reserve ihre Kinder zur Schule (und sogar zur Universität) schicken können, all die harte Arbeit die in den letzten Jahren in die Reserve gesteckt wurde, die auf dem Spiel steht – all das sind im Moment Sorgen die mir durch den Kopf geistern. Trotzdem versuche ich, positiv zu sein und zu genießen dass ich im Moment die Möglichkeit habe hier zu sein und den Regenwald in dieser Art und Weise erleben kann. Im Moment gibt es für mich/uns keine Antworten was die Zukunft der Reserve und die Situation in Peru betrifft und wir können nur auf das Beste hoffen.

Ich glaube es ist unmöglich in Worte zu fassen, wie sehr ich hoffe, dass Peru und alle seine Einwohner diese Situation so gut wie möglich überstehen und dass so bald wie möglich Frieden einkehren kann. Ich wünsche mir sehr, dass Gäste aus aller Welt auch in Zukunft die Schönheit und Vielfältigkeit Perus kennenlernen möchten und sich davon in ihren Bann ziehen lassen.

 

 

 

COVID-19 in Peru: Oliver lebt in Lima und ist Gründer einer Reiseagentur

 

Wieso bist du in Peru?

 

Oliver während einer Reise nach Cusco

Oliver während einer Reise nach Cusco.

Oliver: Ich habe 2015 mein Auslandssemester in Lima an der Universidad del Pacifico gemacht und direkt im Anschluss danach mit meinem Geschäftspartner Erik, ebenfalls Deutscher, ein Startup gegründet. Eigentlich wollte ich nur 5 Monate in Peru bleiben, aber aus 5 Monaten wurden nun schon 5 Jahre. Ohne viel Vorerfahrung haben wir uns in die Latino-Startup-Welt gestürzt, was sich genauso verrückt anhört wie es war und dementsprechend kurz war die Reise. Jedoch haben wir viel in der Zeit gelernt und das Ganze dann in unser zweites Projekt, eine Reisefirma namens Exploor, gesteckt. Dieses lief bis zum Ausbruch des Coronavirus auch sehr gut, allerdings steht das Ganze zur Zeit still.

 

 

Wo befindest du dich zur Zeit? Wo bist du untergebracht?

 

Oliver: Ich wohne in einem Apartment im Stadtteil Miraflores in Lima.

 

 

 

Was war für dich ausschlaggebend, dass du in Peru geblieben bist?

 

Oliver: Obwohl mir einige Freunde und auch meine Familie empfohlen hatten nach Deutschland zurückzukehren, empfand ich es als sinnvoller in Peru zu bleiben. Schließlich habe ich mein Geschäft hier, einen Mietvertrag mit monatlichen Pflichten und anderen bereits getätigten Ausgaben für diverse Dinge. Und wer weiß, wann die Grenzen wieder aufgemacht werden. Wenn ich dann 6 Monate nicht mehr ins Land herein kommen würde, wäre meine „Carné de Extranjeria“ (Arbeitsvisum) nicht mehr zulässig und ich hätte ein Problem. Auch wenn ich immer liebend gerne nach Deutschland zurückkomme, hat es dieses mal – in meinen Augen – weniger Sinn gemacht. Auch wenn die gesundheitliche Versorgung in Deutschland kein Vergleich zu der hier vor Ort ist.

 

 

Wie empfindest du die Situation vor Ort? Wie ist die Stimmung?

 

Oliver: Man merkt, dass viele Leute verängstigt sind, da keiner so wirklich weiß, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht. Der Staat unterstützt die Bevölkerung (vor allem die ärmeren) zwar mit Zuschüssen, aber auf lange Zeit ist das auch keine nachhaltige Lösung. Lima ist die Heimat für mehr als 10 Millionen Menschen und gut 70% der Leute arbeiten ohne Festanstellung, d.h. wenn diese Leute nicht zur Arbeit gehen, verdienen sie kein Geld und können somit nicht für ihre Familien sorgen. Mittlerweile sind wir schon seit 50 Tagen in Quarantäne, da kann man sich vorstellen, was bei den Leuten in den Köpfen vorgeht. Aus diesem Grund sieht sich die Mehrheit gezwungen, ihr zu Hause zu verlassen und wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Ansonsten merkt man, dass sich die Leute an die Änderungen gewöhnt haben. Seit Wochen laufen alle mit Masken rum, Abstand wird eingehalten und man verlässt das Haus nur für Lebensmittel oder Medizin.

 

 

Beschreibe doch mal, wie dein Alltag derzeit so aussieht? Darfst du vor die Tür gehen?

 

Oliver: Seit Beginn der Quarantäne sieht so gut wie jeder Tag bei mir gleich aus: Frühstück, Sport in der Tiefgarage mit 7.5l Wasserflaschen und CrossFit Übungen, Arbeit, Mittagessen, Arbeit, Abendessen und Gute Nacht. Oft ist es schon vorgekommen, dass ich nicht mehr wusste welcher Tag heute ist, haha. Wir dürfen das Haus nur verlassen um Lebensmittel oder Medizin zu kaufen, was jede Woche das absolute Highlight ist da man zumindest für 1 Stunde aus den eigenen 4 Wänden herauskommt. Allerdings kann es dann auch schon einmal vorkommen, dass man lange in der Schlange vor dem Supermarkt stehen muss. Ich glaube, ich bin noch nie zuvor in meinem Leben um viertel vor 7 aufgestanden um pünktlich um 7 Uhr zur Eröffnung eines Supermarkts zu erscheinen. Mittlerweile ist das zum Glück auch nicht mehr notwendig, da generelle Richtlinien geändert wurden (das vorherige Beispiel war als Männer nur Montags, Mittwochs und Freitags das Haus verlassen durften um Einkäufe zu machen; nach einer Woche hat die Regierung das allerdings wieder abgeschafft).

 

Küste in Lima

Normalerweise sind die Straßen hier verstopft und es herrscht reger Verkehr.

 

 

Was sind deine Gedanken, wenn du an die nächsten Monate denkst? Was sind deine Hoffnungen, was sind deine Sorgen?

 

Oliver: Der Tourismus ist natürlich besonders hart von der derzeitigen Krise betroffen und wir gehen nicht davon aus, dass wir in den nächsten Monaten noch Reisende empfangen werden. Insofern heißt es hier für uns erst einmal Ausgaben senken, wo es nur geht und überall sparen, so dass wir das Ganze hier überstehen können. Gehälter werden gesenkt, Kollaborationen gecancelled, das Büro evtl. gekündigt… alles Maßnahmen, die man nicht gerne macht, jedoch sind diese erforderlich und die meisten verstehen das zum Glück auch. Natürlich tut das auch weh wenn man so lange an etwas gearbeitet hat, das Ganze echt beginnt gut zu laufen und dann von heute auf morgen die Zahlen auf 0 fallen. Für die nächste Zeit hoffe Ich, dass die Leute hier weiterhin die Regeln der Regierung respektieren und Folge leisten, denn die Gefahr, dass die Situation hier außer Kontrolle gerät ist hoch. Das Gesundheitssystem ist absolut nicht auf so etwas vorbereitet, im Vergleich zu Deutschland mit rund 30.000 Betten haben wir um die 600 Betten in Krankenhäusern mit entsprechender Ausstattung. Was Hilfeleistungen angeht, bietet der Staat günstige Darlehen für Kleinunternehmen an, was sicherlich eine Option für uns sein wird. Und wie wir Unternehmer nun mal so sind, in der Zeiten der Krise suchen wir nach neuen Möglichkeiten und lassen den Kopf nicht hängen.

COVID-19 in Peru: Annika lebt in Cusco und arbeitet dort für einen nachhaltigen Reiseveranstalter

 

Wieso bist du in Peru? 

 

Annika in Cusco

Annika in Cusco.

Annika: Ich lebe bereits seit Ende 2012 in Peru und bin damals für ein Praktikum meines Masterstudiums in Nachhaltigem Tourismus nach Peru gekommen. Angedacht waren eigentlich nur 5 Monate, aber als die Praktikumszeit vorbei war, hatte ich mich so in das Land und meine Arbeit verliebt, dass ich einfach geblieben bin. Die ersten Jahre habe ich dann immer gesagt ich bleibe „noch ein Jahr“ und dann „nochmal ein Jahr“ usw., bis mir das irgendwann keiner mehr geglaubt hat – auch ich selbst nicht 😉 Die ersten 2 1/2 Jahre habe ich in Huaraz gelebt und danach in Cusco – das sind jetzt diesen Monat auch schon 5 Jahre! Der Reiseveranstalter, bei dem ich damals das Praktikum gemacht hat, heisst RESPONSible Travel Peru und dort arbeite ich auch heute noch – inzwischen als Sales Managerin. Vor allem die nachhaltige Philosophie von RESPONS und die Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden im ganzen Land begeistern mich jeden Tag aufs Neue.

 

 

Wo befindest du dich zur Zeit? Wo bist du untergebracht?

 

Annika: Ich wohne hier in Cusco in einem kleinen, gemütlichen Appartement im Stadtteil San Cristobal. Die letzten Wochen habe ich aber hauptsächlich in der Wohnung meines Freunds verbracht. Da die Ausgangssperre hier sehr streng ist, haben wir direkt am ersten Tag beschlossen für die Dauer des Lockdown zusammen zu ziehen, sonst wäre es auf Dauer doch sehr, sehr einsam so ganz alleine in der Wohnung. Ich bin auch jeden Tag während der letzten Wochen dankbar gewesen, dass wir immerhin zu zweit sind und möchte mir nicht vorstellen wie es Menschen geht, die jetzt bereits seit Wochen ganz alleine zuhause sitzen. Wir haben im übrigen beide ganz tolle Vermieter, die von sich aus angeboten haben, die Miete für die kommenden Monate zu senken, da sie wissen, dass wir im Tourismus arbeiten und vorerst ohne Einkommen auskommen müssen.

 

Blick von Annikas Terasse

Der Blick von Annikas Zuhause über die Dächer von Cusco.

 

Was war für dich ausschlaggebend, dass du in Peru geblieben bist?

 

Annika: Ehrlich gesagt habe ich gar nicht in Erwägung gezogen nach Hause zu fliegen. Als im März klar wurde, dass es innerhalb weniger Tage keine kommerziellen Flüge mehr nach Europa geben wird, habe ich mich zwar sofort darum gekümmert, dass alle meine Kunden noch einen der letzten Flüge erwischen, aber nicht einen Moment daran gedacht selbst einen der Flüge zu nehmen. In diesem Moment gab es in Peru auch noch keine bekannten Corona-Infizierten, während die Zahlen in Europa rapide anstiegen, so dass man sich fast ein bisschen sicherer fühlen konnte hier – (noch!) weit weg von allem. Einige gute Freunde von mir, die ebenfalls hier lebten, sind dann später mit den Rückholflügen zurück nach Europa gebracht worden, aber auch da habe ich gedacht, das käme für mich nicht in Frage. Mein Leben spielt sich in den vergangen Jahren einfach hier in Peru ab. Ich besuche zwar regelmässig meine Familie & Freunde in Deuschland, aber mein Leben findet hier statt: hier habe ich meinen Job, meinen Alltag, meine Wohnung, mein Herz… Eigentlich hatte ich genau jetzt im Mai einen Besuch in der Heimat geplant und bin natürlich sehr traurig, dass dieser nun flach fällt und ich nicht weiss, wann ich meine Familie wiedersehen kann, aber wenn ich jetzt in Deutschland (in meinem alten Kinderzimmer) sitzen würde und nicht wüsste wann ich wieder zurück nach Peru könnte, dann wäre ich sicher nicht glücklicher.

 

Wie empfindest du die Situation vor Ort? Wie ist die Stimmung?

 

Annika: Ich denke viele Menschen hier sind sehr verängstigt. Ich versuche selbst eigentlich so gut wie kein Fernsehen zu schauen, aber wenn ich doch einmal etwas sehe, dann wird Angst verbreitet. Es wird mit Zahlen (von Infizierten und Toten) um sich geworfen und das Gefühl vermittelt sobald man vor die Tür geht, ist man in Gefahr. Masken waren hier auch sofort Pflicht (überall ausserhalb der eigenen Wohnung) und inzwischen auch Handschuhe zum Einkaufen. Persönlich fehlt mir eine Diskussion rund um Dinge wie: „Was kann ich tun um mein Immunsystem zu stärken? Wie kann ich mich gesund ernähren & fit halten?“ etc., aber das ist ja leider nicht nur in Peru so… Ich habe festgestellt, dass ich nach einigen Tagen nicht einmal mehr wirklich zum Einkaufen rauswollte, nicht weil ich Angst vor Corona hatte, sondern weil mir die vielen Polizeikontrollen so ein unangenehmes Gefühl vermittelt haben. In meiner näheren Umgebung hier, scheinen sich die meisten Leute an die Regelungen zu halten, aber an vielen Orten, vor allem in Lima und im Norden des Landes scheint die Situation viel unkontrollierter, von dem was man in den Nachrichten hört und es gibt auch Unmengen von Verhafteten. Vielen Menschen ist es auch einfach unmöglich sich an die Ausgangssperren zu halten, weil sie ihren Lebensunterhalt normalerweise auf der Strasse verdienen und sich nicht anders zu helfen wissen, als trotzdem raus zu gehen. Viele meiner Freunde und Leute in meinem Umfeld finden inzwischen auch, dass die strengen Quarantänemassnahmen gelockert werden müssten, weshalb es mich jedesmal verwundert, wenn laut Umfragen angeblich die Mehrheit der Peruaner dafür ist den Lockdown aufrecht zu erhalten…

 

Vizcarra im Fernsehen

Der peruanische Präsident Vizcarra im Fernsehen.

 

Beschreibe doch mal, wie dein Alltag derzeit so aussieht? Darfst du vor die Tür gehen?

 

Annika: Vor die Tür gehen darf ich leider bereits seit dem 16.März nur zum Einkaufen (oder wenn ich dringend zum Arzt müsste). Die Quarantäne sollte zunächst nur 2 Wochen dauern, wurde aber nun bereits ingesamt 4 Mal erneut um jeweils 2 Wochen verlängert, so dass der Ausspruch „2 semanas más“ von Präsident Vizcarra inzwischen kaum mehr überrascht. Es darf inzwischen auch nur noch eine Person aus dem Haushalt, das Haus verlassen, d.h. mein Freund und ich dürfen auch nicht gemeinsam auf die Strasse. Leider ist hier auch nicht einmal das Spazierengehen erlaubt, von daher ist es vor allem der Kontakt zur Natur, der mir sehr fehlt! Ich wohne direkt unterhalb der Ruinen von Sacsayhuaman und geniesse es normalerweise sehr so schnell im Grünen zu sein. Es ist natürlich so, dass das peruanische Gesundheitssystem und die Ausstattung der Krankenhäuser überhaupt nicht mit Deutschland zu vergleichen ist und sie zu Recht viel vorsichter sein müssen hier, aber ich denke auch es kann nicht gesund sein, regelrecht zuhause „eingesperrt“ zu sein. Und da habe ich noch Glück, dass wir eine Dachterasse haben, wo wir frische Luft und Sonne tanken können und zudem die schöne Aussicht über Cusco bis zum Ausangate Berg geniessen können. Sogar die Kolibris flattern täglich munter ums Haus herum! Aber wenn ich Fotos von Freunden zuhause sehe, die die letzten Wochen vermehrt im Freien genossen haben, dann werde ich schon recht neidisch! Ein Glück ist hier jetzt die Regenzeit vorbei und der viele Sonnenschein hellt die Stimmung auf.:-) Ansonsten ist mein Alltag ziemlich entschleunigt, was ich auch geniessen kann. Ich mache gerne Yoga, meditiere, lese, koche viel und habe viel mehr Kontakt zu Freunden und Familie in Deutschland als sonst. In der ganzen Zeit war ich drei Mal in meiner eigenen Wohnung (hauptsächlich zum Blumengiessen) – das ist dann jedesmal ein kleines Abenteuer, die ca. 40 Minuten bis nach San Cristobal zu laufen: natürlich mit Tarnungs-Zwischenstopp zum Einkaufen. Auf dem San Blas Markt läuft das tatsächlich sehr geordnet ab: es wurden Wasserkontainer und Seifenspender aufgestellt und Markierungen zum Abstandhalten aufgezeichnet. Nach über 7 Jahren auf über 3000m, komme ich doch inzwischen tatsächlich wieder ins Schnaufen auf den vielen Treppenstufen in San Blas…

 

 

Annika mit Maske

Annika mit ihrem Freund in Cusco.

Leere Gasse in Cusco

Leere Gasse in Cusco

 

Was sind deine Gedanken, wenn du an die nächsten Monate denkst? Was sind deine Hoffnungen, was sind deine Sorgen?

 

Annika: Ganz allgemein habe ich die Hoffnung, dass Dinge wie Solidarität, Mitgefühl und Entschleunigung, die wir alle in dieser Krise unter Beweis stellen dürfen, auch nach Corona bestehen bleiben und nicht einfach wieder zur „Normalität“ zurückgekehrt wird, sondern, dass wir bewusster leben! Gerade im Tourismus hat es ja auch viel Positives, dass der Massentourismus nicht mehr stattfinden werden kann und in Zukunft nun jeder die Chance hat bewusster und nachhaltiger zu reisen.
Momentan sieht es natürlich auch in Peru, wie überall, für die Tourismusbranche sehr schlecht aus. Konkret bedeutet das für mich, die nächsten Monate ohne Einkommen auskommen zu müssen. Bisher gibt es keinerlei staatliche Unterstützung für jemanden wie mich oder meine Kollegen, die bisher eigentlich ein gutes Einkommen hatten, aber nun plötzlich durch den kompletten Wegfall aller Einnahmen kein Gehalt mehr bekommen können. Dadurch ist mir auch noch einmal bewusst geworden, wie gross doch die Kluft zwischen einem Staat wie Deutschland und Peru ist – solange alles gut läuft, macht man sich ja solche Gedanken eher weniger… Natürlich gibt es auch Unternehmer in Deutschland, die nun um ihre Existenz kämpfen müssen, aber meine Freunde in Deutschland, die in der Tourismusbranche arbeiten, sind dort zumindest durch Kurzarbeitergeld abgedeckt, während es hier bisher gar keine Unterstützung gibt. Zum Glück kann ich auf die Hilfe meiner Familie zählen, aber viele unserer Partner (Chauffeure, Guides, Restaurantbesitzer, Familien in lokalen Gemeinden etc.) und Kollegen wissen durch den Wegbruch der Einnahmen im Tourismus nicht, wie sie die nächsten Monate überstehen sollen. Deshalb haben wir auch eine Crowdfunding-Kampagne gestartet um sie zu unterstützen (auf niederländisch und darunter englisch) – jede Hilfe ist nötig und sehr geschätzt und hilft einer lokalen Familie zumindest etwas zu Essen kaufen zu können!
Zu tun habe ich glücklicherweise trotzdem noch genug, da viele unserer Kunden – spätestens nachdem sie verstehen konnten, dass hier in Peru Existenzen auf dem Spiel stehen – bereit waren ihre Reise auf 2021 umzubuchen anstatt zu stornieren. Jede umgebuchte und neugebuchte Reise gibt natürlich Hoffnung! Unser gesamtes Team ist super motiviert diese Krise gemeinsam durchzustehen und gestärkt daraus hervorzugehen und es tut gut zu sehen, dass auch viele neue Zusammenarbeiten und innovative Ideen in diesen schwierigen Zeiten entstehen. Vamos pa’lante!

 

 

COVID-19 in Peru: Christoph aus der Schweiz lebt in Iquitos und ist dort selbstständiger Guide

 

Wieso bist du in Peru?

 

Christoph

Christoph in Iquitos

Christoph: Ich wohne seit über 6 Jahren in Iquitos am Amazonas. Hier habe ich meine Frau, Haus, Hund und Katz. Das erste mal besuchte ich Peru im Jahr 2006. Im Jahr 2008 auf meiner zweiten langen Südamerikareise lernte ich meine jetzige Frau kennen. 2012 lebte ich 10 Monate in Iquitos und 2014 habe ich geheiratet und seitdem bin ich hier fest wohnhaft. Habe nun auch die peruanische Staatsbürgerschaft. Neben meiner Ausbildung als Tourguide  habe ich meine Firma gegründet die Touren in den Regenwald anbietet.

 

 

Wo befindest du dich zur Zeit? Wo bist du untergebracht?

 

Christoph: Ich bin momentan alleine bei mir zu Hause in Quarantäne. Meine Frau pflegt ihre Mutter in einem anderen Haus. Wir sind alle an Covid-19 erkrankt.

 

 

Was war für dich ausschlaggebend, dass du in Peru geblieben bist?

 

Christoph: Der Hauptgrund ist meine Frau, aber ich wollte schon immer mal auswandern und an einem Ort wohnen wo es warm ist. Ich bin auch ein Naturliebhaber und hier am richtigen Platz. Mir gefiel  immer dieser Spruch: Jeder ist seines eignes Glückes Schmied. Über die Jahre haben wir uns was Schönesaufgebaut und es ging uns sehr gut bis der Virus nach Iquitos gelangte. Wir vermieten Zimmer, haben ein eigenes Haus sogar 50 Ha Regenwald. Ich konnte immer das machen wo ich wollte, habe viel Freiheit. Ich genoss meine vielen Touren in den Regenwald. Da sich mein Lebensmittelpunkt hier abspielt, habe ich beschlossen in Peru zu bleiben.

 

 

Wie empfindest du die Situation vor Ort? Wie ist die Stimmung?

 

Christoph: Momentan erleben wir eine der größten Katastrophen der Geschichte, die Stadt ist im Schockzustand. Die Spitäler und Ärzte können längst nicht mehr allen helfen. Jeden Tag sterben Dutzende Personen. Viele Leute haben Angst, sind traurig, weil sie schon jemanden verloren haben oder der Hunger treibt sie auf die Strasse. Der Tourismus ist völlig zusammengebrochen, praktisch alle sind arbeitslos und haben seit zwei Monaten kein Einkommen. Es ist eine sehr schwierige Zeit.

 

 

Beschreibe doch mal, wie dein Alltag derzeit so aussieht? Darfst du vor die Tür gehen?

 

Christoph: Momentan bin ich immer zu Hause, da ich Covid-19 habe. Meine Schwägerin kocht ein wenig mehr und der andere Schwager bringt mir das Essen gegen die Mittagszeit. Der Virus nimmt einem viel Energie weg. Jetzt nach über zwei Wochen geht es mir schon viel besser. Momentan darf man von 5 bis 16 Uhr einkaufen gehen. Am Sonntag bleiben alle zu Hause. Früher haben wir immer auswärts gegessen.

 

 

Was sind deine Gedanken, wenn du an die nächsten Monate denkst? Was sind deine Hoffnungen, was sind deine Sorgen?

 

Christoph: Es liegt noch ein langer, schwerer Weg vor uns, aber wir werden es überleben. Vom Tourismus kann man dieses Jahr nicht mehr viel erwarten. Viele meiner Freunde sind nun arbeitslos und ohne Geld, alle Unternehmen haben Finanzprobleme. Es wird lange dauern, bis sich die Stadt und das Land erholt. Die Armut wird stark steigen. Viele müssen sich überlegen was sie nun arbeiten können und müssen sich total neu orientieren. Die Ausbildung müssen wir virtuell weitermachen oder auf nächstes Jahr verschieben.

 

Hinweis: Christoph hat eine Hilfs-Seite für Iquitos auf Facebook aufgesetzt: SOS Iquitos. Hier informiert er über die Lage vor Ort und es finden sich dort auch Kontaktmöglichkeiten zum Spenden und Helfen. 

 

Unsere Bitte an dich:

Auch wenn die Situation vor Ort in Peru in vielen Regionen sehr besorgniserregend und schrecklich ist, so ist eins sehr wichtig: Auch diese Pandemie wird vorüber gehen. Um die peruanische Bevölkerung und Unternehmen vor Ort zu unterstützen ist vor allem eins wichtig: Nicht die Reise canceln, sondern verschieben. 


Wer da schreibt? 

Hola! Ich bin Anne, Mitgründerin von QUER DURCH PERU. 2011 bin ich zum ersten Mal nach Peru gereist: Geplant waren 6 Monate, daraus wurden 2 Jahre. Seitdem zieht es mich regelmäßig in das (für mich) schönste Land der Welt.

Unser Reisenewsletter

 

Wir informieren dich wöchentlich über Reisethemen aus Peru. Wir teilen mit dir unsere neusten Artikel und besten Insidertipps für eine einmalige Reise. Außerdem senden wir Updates zu unserem Reiseführer und tollen Reise-Community bei Facebook.





8 Kommentare
  • Ulrike G.Pfeiffer
    Antworten
    Posted at 10:03 am, Mai 24, 2020

    Liebe Anne,

    danke für Deinen wichtigen Bericht über die Situation in Peru. Ich war 2018 und 2019 in Peru und bin mit dem Rucksack durch das Land gereist. Ich war auch in Iquitos und wurde eingeladen in einer Familie am Amazonas, zu leben. Sie wohnen ca 5 Stunden mit dem Boot von Iquitos Richtung Norden.

    Und bin im März 2020 gerade noch mit der letzten Maschine rausgekommen.

    Die Menschen in Peru sind sehr besonders und ich fühle mit ihnen und ihrer Situation. Ich hoffe und wünsche ALLEN, dass diese Situation bald beendet ist und Normalität wieder eintritt. Ich selbst habe ein kleines Hotel und arbeite in meiner Praxis für Naturheilkunde und beides durfte ich nicht ausüben für 2,5 Monate.

    Beste Grüsse von Ulrike

  • Posted at 6:38 am, Mai 25, 2020

    Liebe Anne,

    vielen Dank für deine interessanten Berichte von Deutschen die in Peru geblieben sind!! Im Februrar/März 2020 war ich zum letzten Mal in Peru. Da ich von dort aus Freunde in Brasilien besuchte, kam ich dann Mitte März, nicht mehr nach Lima zurück, als dort der Internationale Flughafen gesperrt wurde. Von Sao Paulo aus konnte ich dann problemlos Ende März nach Deutschland zurück reisen.

    Auf meinen kleinen Besitz „Montecito de Pacaes – Cabanas y Camping“ in Oxapampa – Selva Central, leben weiter 3 europäische Freunde: Ein alter deutscher Kollege aus den Zeiten des Deutschen Entwicklungsdienstes in Peru, der dort weiter an seinen Büchern schreibt, ein pensonierter deutscher Botaniker mit seiner Frau aus Venezuela, beide begeistert von der Flora und Fauna der Gegend und ein Experte für Permacultura aus Italien mit seiner peruanischen Freundin. Also eine bunte Mischung! Ich stehe mit allen in Kontakt und wir hoffen uns Endes dieses Jahres in Oxapampa wieder zu sehen!!

  • Posted at 9:48 am, Mai 25, 2020

    Liebe Anne,

    vielen Dank für die Veröffentlichung meines Beitrages von heute in euren blog und nachträglich noch viele Grüße aus Berlin, von mir und meiner deutsch – peruanischen Familie!!

    Joachim.

  • Posted at 3:27 pm, Mai 26, 2020

    Ich habe die Berichte mit Interesse gelesen! Es freut mich sehr die Motivation der Jungen Menschen zu erfahren hier in Peru zu bleiben, auch wenn es gerade etwas «schwieriger» ist. Es kommen dann auch wieder andere Zeiten und auf die können wir uns jetzt schon freuen. Sobald es möglich ist setzte ich mich auf mein Motorrad und fahre gerne wieder mit Erwartungsvollen Motorradfahrer/innen durch dieses wunderschöne Land. Ist ja auch mein Beruf und dies bereits seit 1999!

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